Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Rainer Maria Rilke · 1910
Ein achtundzwanzigjähriger Däne lebt allein in Paris und schreibt in sein Heft: Ich lerne sehen.
Wann hat Sie zuletzt jemand beim Vornamen gerufen, ohne dafür bezahlt zu werden?
Samstagabend im dritten Stock eines Hinterhauses. Gegenüber im Fenster bügelt jemand Hemden vor einem stummen Fernseher und auf dem Herd kochen Nudeln, deren Packung für eine Person immer zu groß ist. Das Telefon hat heute zweimal vibriert, einmal die Bank, einmal ein Paketdienst. Im Hof klappert der Deckel der Papiertonne im Wind.
In dieser Stadt würde es niemanden überraschen, wenn es so bliebe. Man spricht es nicht aus, weil man ja noch Kollegen, einen Sportverein oder die Familie in dreihundert Kilometern Entfernung hat.
Rainer Maria Rilke · 1910
Ein achtundzwanzigjähriger Däne lebt allein in Paris und schreibt in sein Heft: Ich lerne sehen.
Olivia Laing · 2016
Laing wollte in New York mit einem Mann zusammenleben. Er sagte kurz vor ihrem Abflug ab. Sie flog dennoch und bezog eine Untermiete, in der niemand auf sie wartete. Daraufhin suchte sie Archive und Museen auf. Sie suchte nach Künstlern, die diese Einsamkeit festgehalten hatten, zuerst Edward Hopper mit seinen Frauen in hell erleuchteten Fenstern bei Nacht. Laing versucht nicht, die Einsamkeit wegzuerklären.
Carson McCullers · 1940
In einer US-Kleinstadt im Süden graviert der taubstumme John Singer Silber in einem Juweliergeschäft. Er wird zum Anziehungspunkt für Menschen, die reden wollen: das Mädchen Mick Kelly, das nachts Radiomusik durch offene Fenster fremder Häuser hört; der schwarze Arzt Copeland; der Trinker Blount oder Biff Brannon, der die ganze Nacht hinter der Theke seines New York Café steht und die Gäste beobachtet. Alle glauben, Singer sei der einzige Mensch, der sie versteht, und er liest ihnen von den Lippen ab, doch vermutlich begreift er kaum die Hälfte. Er denkt an seinen Freund Antonapoulos, den man in eine Anstalt gebracht hat. McCullers war dreiundzwanzig, als das Buch erschien. Keiner der Besucher fragt Singer je, wen er selbst vermisst.
Beantworten Sie die Fragen und lassen Sie sich vom Orakel lesen