Bookseer Eine Lesung

Für jemanden, der wieder gesund ist

Das Unausgesprochene an der Genesung ist, dass sie leer sein kann. Alle gratulieren, und innen ist nichts, worüber man sich freuen könnte.

Ein Jahr lang war der Kalender voll mit Terminen, und jeder Tag hatte seine Aufgabe. Jetzt ist er leer. Dazu die Angst, die niemand hören will, weil sie undankbar klingt, und die trotzdem jeden Morgen als Erstes da ist, noch vor dem Kaffee.

Du stirbst nicht

Kathrin Schmidt · 2009

Eine Frau wacht nach einer Hirnblutung auf und muss die Sprache noch einmal von vorn lernen, Wort für Wort, während ihre Familie schon wieder in der Zukunft plant. Schmidt hat den Roman nach ihrer eigenen Blutung geschrieben, und man merkt es an den Sätzen, die genau dort stocken, wo das Gehirn stockt.

Krankheit als Metapher

Susan Sontag · 1978

Sontag schrieb diesen Essay in New York, mitten in ihrer eigenen Krebsbehandlung, und er gilt nicht der Krankheit, sondern dem Gerede darüber. Sie nimmt die Bilder auseinander, mit denen Gesunde den Kranken zu Leibe rücken: den Kampf, den starken Willen, die verborgene seelische Ursache. An hundert Jahren Literatur, von der Schwindsucht des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Krebs, zeigt sie, woher diese Bilder kommen und wem sie nützen. Rückwirkend erklärt das eine Menge, etwa warum die gut gemeinten Sätze der letzten Monate so wehgetan haben. Und es nimmt die leisere Last ab, die danach bleibt: den Verdacht, man habe sich das alles selbst eingebrockt und müsse jetzt auch noch die Genesung richtig hinbekommen. Kühl geschrieben, ohne einen Tropfen Trost.

Der Spaziergang

Robert Walser · 1917

Ein Mann verlässt am Vormittag seinen Schreibtisch und geht los, und die Welt fängt an, Dinge herzugeben: eine Bäckerei mit falscher Goldschrift, einen Hund, einen Bahnübergang. Walser schrieb das in Biel, im dritten Kriegsjahr, mit dem ganzen Elend eine Bahnfahrt entfernt. Ein Handbuch dafür, wie man den gewöhnlichen Tag wieder in Betrieb nimmt.

Beantworten Sie die Fragen, und das Orakel liest Sie